Anforderungen an die Corona-Proximity-Tracing-App

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Die neue Corona-Proximity-Tracing-App soll schneller vor möglichen Infektionen warnen. Doch gleichzeitig braucht es Schutz vor Diskriminierung und vor dem Missbrauch persönlicher Daten. Das Parlament hat nun die gesetzliche Grundlage dafür zu schaffen.

Ein Grund, der das Coronavirus so gefährlich macht, ist seine rasche Ausbreitung. Die leichte Übertragung und die lange Inkubationszeit von bis zu zwei Wochen sorgen ohne Gegenmassnahmen für exponentielle Zuwachsraten von Infizierten. Darin unterscheidet sich das Coronavirus von anderen Virusinfektionen und macht neue Lösungen nötig. Dazu gehören Isolationsmassnahmen wie die häusliche Quarantäne. Erfahrungen in vielen Ländern zeigen, dass sich damit Infektionsketten effektiv unterbrechen lassen. Doch nur unter einer wichtigen Voraussetzung: Die Infizierten müssen schnell isoliert werden.

Der Einsatz zeitgemässer Technologien im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus kann eine grosse Chance sein. Das gilt insbesondere für sogenannte Proximity-Tracing-Apps: Derzeit arbeiten Unternehmen und Forschungseinrichtungen in vielen Ländern an ähnlichen Apps, in der Schweiz zum Beispiel die Eidgenössischen Hochschulen in Zürich und Lausanne. Im Detail unterscheiden sie sich, aber die grundlegende Funktionsweise ist meistens die gleiche.

Prinzip und Vorteile der App

Im Prinzip erfasst die App sämtliche Kontakte mit anderen Personen, die ebenfalls die App nutzen, und in der Nähe sind. Die Kontakte werden auf dem Handy zwei Wochen lang gespeichert, also für die Dauer der maximalen Inkubationszeit. Wird innert dieses Zeitraums einer der gespeicherten Kontakte positiv auf Covid-19 getestet, muss die infizierte Person diesen Umstand in der eigenen App kennzeichnen. Dann erfolgt eine Warnung an sämtliche Kontakte. Die benachrichtigen Kontakte sind damit aufgefordert, sich ebenfalls testen zu lassen – und in Quarantäne zu begeben.

Die Vorteile der Proximity-Tracing-App liegen auf der Hand: Erstens ist man bei der Kontaktnachverfolgung nicht mehr nur auf das Gedächtnis der Infizierten angewiesen – und kann auch Personen erreichen, von denen keine persönlichen Daten bekannt sind (z.B. Personen im ÖV). Zweitens geht die Meldung an die möglicherweise infizierten Kontakte viel schneller, als wenn sie von Behörden abtelefoniert werden müssen.

Privatsphäre schützen

Genauso klar wie die Vorteile der App sind aber auch ihre Risiken: Wo persönliche Daten wie Kontakte, Aufenthaltsorte und -zeiten erfasst werden könnten, gibt es auch die Gefahr von Missbrauch. Deswegen ist es wichtig, einen Weg zu finden, mit dem sich das Coronavirus effektiv eindämmen lässt, ohne die Privatsphäre zu opfern. Die Corona-Proximity-Tracing-App darf nicht zum Einfallstor für Überwachung werden, egal ob durch den Staat oder durch datenhungrige private Anbieter.

Um das sicherzustellen, müssen vor allem die Kontaktdaten anonymisiert gespeichert werden. Wie das gehen kann, beschreibt die Republik. Bei der dort vorgestellten Lösung generiert jede heruntergeladene App auf dem Smartphone einen individuellen Zufallscode, den Schlüssel. Bei jedem Kontakt kombiniert die App diesen Schlüssel mit einer codierten Zeitangabe. Nur diese Kombination tauschen die Apps miteinander aus. So wird der Kontakt zwar zweifelsfrei dokumentiert, eine Rückverfolgung auf ein konkretes Handy oder gar eine Person ist aber nicht möglich.

Neben der Anonymisierung ist auch die Dezentralisierung eine wichtige Grundvoraussetzung. Die Kontaktdaten aus Schlüssel und Zeitangabe dürfen nur lokal auf den Smartphones gespeichert werden, es darf kein Zentralregister mit sämtlichen Kontakten geben. Einen zentralen Server braucht es dennoch: In dem Moment, in dem eine Person ihr positives Testergebnis in der App einträgt, meldet die App dies mit dem Schlüssel an einen zentralen Server. Von dort aus werden alle anderen Apps über die Infektion informiert. Jede andere App kann nun mit dem Schlüssel in ihren gespeicherten Kontakten prüfen, ob in den vorangegangen zwei Wochen ein Kontakt stattgefunden hat. Falls ja, zeigt die App eine Warnung an. So viel Zentralität ist nötig – aber unproblematisch, weil die zentral vorhandene Information, der Schlüssel, keinen Rückschluss auf die Person zulässt.

Gesetz muss Vertrauen schaffen

Damit die Corona-Proximity-Tracing-App im Kampf gegen das Coronavirus wirkt, kommt es darauf an, dass sie auch möglichst breit genutzt wird. Der Staat muss seinen Beitrag leisten, um das dafür notwendige Vertrauen der Bevölkerung in die App zu schaffen. Zum einen durch eine strikte Freiwilligkeit. Niemand darf zur Nutzung der App gezwungen werden und niemand darf durch den Staat oder Private einen Nachteil erleiden, weil sich die Person dafür oder dagegen entschieden hat. Zum anderen ist die Offenlegung des Quellcodes zwingend, damit sich Fachleute selbst ein Bild von der Funktionsweise der App verschaffen und im Zweifel öffentlich Alarm schlagen können.

Deshalb braucht die App eine ordentliche gesetzliche Grundlage. Damit sollen die oben beschriebenen Anforderungen gesetzlich abgesichert werden:

  1. privacy by design
  2. Freiwilligkeit
  3. Diskriminierungsverbot
  4. open source

Die Schweizer Lösung, genannt SwissCovid-App, befindet sich bereits in der Testphase. Nun ist das Parlament gefordert, eine gesetzliche Grundlage für die App – unter Berücksichtigung und durch Präzisierung der genannten Anforderungen – zu verabschieden, damit das Vertrauen für den flächendeckenden Einsatz der App geschaffen wird.

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Marco Fritschi

Ein berufstätiger Informatiker, der Software entwickelt, Projekte leitet und Lernende ausbildet.

Ein interessierter Winterthurer, der interdisziplinär das Wirtschafts- und Rechtssystem studiert und hinterfragt.

Ein sozialliberaler Politiker, dem Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und die Menschenrechte als Leitbild dienen.

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